Neptunia – Messer nicht nur für Seeleute (Teil 3)

In Teil 3 unserer Neptunia Story werfen wir einen kleinen Blick hinter die Kulissen einer der interessantesten französischen Messerhersteller und erfahren, mit welcher Akribie und mit welchem Aufwand die kunstvoll gestalteten Messer hergestellt werden.

Neptunia, die Messer-Marke aus dem französischen Troyes, hat eine faszinierende Geschichte, die Sie in Teil 1 und 2 nachlesen können. Thierry Henriot hat aus seiner Leidenschaft zum Wasser, zum Segelsport und zu feiner Handwerkskunst ein Geschäft gemacht, das inzwischen weltweit interessante und innovative Ideen rund ums Messer vertreibt. Die Messer werden nicht von Neptunia selber, sondern von führenden Messerschmieden und zuliefernden Handwerkern in Frankreich hergestellt. Seit jeher gibt es zum Beispiel in Nogent eine große Tradition in der Messerherstellung.

Hier sehen wir einen Teil der Messerherstellung der Serie ‘Dragon’, die dem berühmten ‘Drachenboot’ nachempfunden ist, das Johan Anker 1929 entworfen hat und das mehrfach olympisches Boot war.  Die Klinge wurde bereits ausgestanzt und im vorderen Bereich auf die richtige Dicke gebracht, geschliffen und poliert. Das Messerheft wird aus einem Holzklotz hergestellt, bei dem verschiedenfarbige Hölzer zusammengeleimt sind, die dem Heft später das charakteristische Aussehen verleihen. Das zweite Bild zeigt gut, wie aus dem rohen Klotz die Form des Griffes entsteht.

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Das besondere an den Griffen des Dragon ist, dass sie nicht aus zwei Halbschalen, wie es gewöhnlich gemacht wird, entstehen, sondern aus einem einzigen Stück. Daher muss der Schlitz für die Klinge eingesägt werden: eine fürwahr knifflige Arbeit! Bevor jedoch der Griff in Form geschliffen wird, müssen in den rohen Holzblock die Löcher gebohrt werden, durch die später die Klinge mit Hilfe von Nieten befestigt wird. Zweckmäßigerweise spannt man hier den kantigen Block ein, der sich besser fixieren lässt, und man vermeidet so an der fertigen Oberfläche Kratzer und Dellen durch den Schraubstock.

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Auf den beiden nächsten Abbildungen sind die einzelnen Arbeitsschritte vom kantigen Holzblock bis zum fertig geschliffenen Griff, der von der Hand wie ein Handschmeichler umgriffen wird, gut zu sehen. Das ganze ist recht aufwändig, denn von den beiden oberen Holzschichten bleibt nicht allzu viel zu sehen, das meiste wird in der Tat weggeschliffen.

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Wenn das Messer fertig ist, wird es als Einzelstück in eine kunstvoll geformte Lederscheide eingelegt, die dem Rumpf und Kiel des Drachen-Bootes nachempfunden ist. Siehe auch Teil 1.

Neptunia-Dragon ebony + leather case

Bestellt man ein ganzes Set, kommt dies in einem Karton, in dem die einzelnen Messer kunstvoll nebeneinander gereiht sind.

Neptunia-coffret x 6 Dragon ebony

Wenden wir uns der Herstellung des speziellen Seglermesser mit den geflochtenen Griffen zu. Neptunia bietet zwei Arten an: das Pen Skoulmig  hat eine recht kurze Klinge und ein kreuzweise geflochtenes Heft mit klassischem Geflecht in Thunfisch-Farbe (‘tuna line’) oder auf Wunsch etwas aufwändiger und zweifarbig. Das M4, speziell für die Crew der Moonbeam IV entworfen, ist ein solches Messer in klassischer Farbe, aber etwas speziellerer Flechtung.

Das zweite Modell dieser Serie heißt Pen Skoulm. Es hat eine etwas längere Klinge, und die Flechtung endet mit dem sog. Türkischen Bund, einer kleinen Verdickung am Ende des Griffes. Wahlweise gibt es die ein- und zweifarbige Flechtung. Der französische Dreimaster Belem wir mit Messern mit einer schwarz-weißen Flechtung ausgestattet, die Trophäe der Regatta Bailli de Souffren hat eine rot-weiße Flechtung nach den Stadtfarben von Saint-Tropez, wo das Rennen startet.

Anfangs wurde die Flechtarbeit durch den bretonischen Rigger und Fancy-Worker Patrick Moreau vorgenommen, bis ihn schließlich Yves Pierrat aus Troyes ablöste.

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Er ist inzwischen zu einem speziellen Freund der Firma Neptunia und zu einem wahren Künstler geworden. Eigentlich schon in Rente, erledigt er alle Flechtarbeiten selbst und per Hand und tüftelt an neuen Zierflechtungen und verbessert die vorhandenen Muster ständig.

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Gut sieben Meter Seil braucht es für ein einziges Pen Skoulm!

Neptunia-Manufacturing steps of M4 Knife

Inzwischen hat Yves Pierrat auch die Herstellung der Lederscheiden übernommen – auch das eine knifflige Arbeit, die viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl bei der Verarbeitung des Leders und beim Zusammennähen erfordert. Charakteristisch ist die Art der Gürtelhalterung, die diagonal und an der Außenseite der Scheide verläuft. So hängt das Messer zwei ein wenig schief, ist dafür aber immer gut Griffbereit.

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Neu im Programm ist seit kurzem das Üblo, ein Entwurf des Messerschmieds Michel Seychal aus Celles-sur-Durolle östlich von Thiers, der die Messer auch exklusiv für Neptunia herstellt. Seit zwei Jahren wird das Messer als Preis für die ‚Frauencrew des Jahres‘ in Saint Tropez ausgelobt.

Üblo ist in dieser fürs Französische etwas eigenartiger Schreibung seit 2008 als Marke mit den Rechten bei M. Seychal eingetragen und geschützt. Es ist das französische Wort ‚hublot‘ für ‚Bullauge‘, und daher auch das charakteristische ovale Glas im Griff der Üblo-Messer. Man kann sich dieses Sichtfenster auf Wunsch auch mit Namen oder sonstiger Verzierung individualisieren lassen.

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Wie immer gibt es die Messer in verschiedenen Ausführungen von Griff und Klinge, die günstigste Version mit Ebenholzgriff und unverzierter Klinge liegt bei rund 750 Euro, die teuerste Version hat einen Griff aus Warzenschweinhorn und einer Damaststahlklinge immerhin bei gut 1.300 Euro. Dafür hat man aber auch einen praktischen Schäkelöffner im Klingenrücken. Immerhin.

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Auf kleine Details wird gerne geachtet: Die Hülle fürs Messer hat die Form eines Bootes!

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Faszinierend sind immer die Bilder aus der Werkstatt – es ist altes künstlerisches Handwerk, und jedes Messer ist auf seine Weise ein Unikat!

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Neben den Messern liefert Neptunia aber auch “Trophées”, also Preisgewinne für diverse Regatten, und ist offizieller Ausstatter der Veranstaltungen des Rolex Cups, des Yachtclubs von Saint Tropez, des Yachtclubs von Monaco oder der Wettfahrt ‘Bailli de Sufren’ von Saint Tropez nach Malta.

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Die Trophäe, mit der Neptunia selbst für seine innovative Ideen geehrt wird, muss noch erfunden werden. Verdient hätte es die Marke längst!

Viele weitere Messermodelle und Preise gibt’s auf der Internetseite neptunia.fr zu sehen. Dort sind auch umfangreiche weiterführende Informationen bereitgestellt. Der Internetauftritt bedarf gleichwohl noch der Optimierung. Zu gerne würde man doch ein paar Eindrücke aus der Produktion der Messer gewinnen. Einige Links zu den ‘Partenaires’ (zum Beispiel espritdethiers, Marina de Bourbon, moonbeamIV) funktionieren leider nicht, da muss der Administrator noch ein paar Pflegeeinheiten einlegen. Wie man mir Anfang 2014 schrieb, ist man aber zurzeit bei der Überarbeitung der Internetseite und bei der Behebung von kleinen Unzulänglichkeiten. Der Online-Katalog ist sehr schön und anschaulich gemacht. Eigentlich schade, dass er wohl nicht in gedruckter Form vorliegt und auch nicht zum Download angeboten wird.

Frankreich hat eine große Tradition in der handwerklichen Herstellung von Messern, vor allem von Taschenmessern. Zu erwähnen sind hier die berühmten Laguiole oder Opinel, die im 19.Jh. zunächst einfache Taschenmesser waren, später aber als Marke ausgebaut und zum Teil auch mit modernem  und zeitgenössischem Design versehen wurden. Inzwischen gehen bekannte Messerschmieden wie zum Beispiel Forge de Laguiole auch neue Wege und beschäftigen berühmte Designer mit den Messerentwürfen.

Und dennoch: Neptunia sticht wohltuend frisch aus der Gruppe der ‘gewöhnlichen’ Laguiole- und Opinel-Messermodelle hervor, indem man das Thema ganz neu interpretiert und nicht nur ‘modern’ entwirft, sondern Anleihen aus der Seefahrt weiterentwickelt. Thierry Henriot hat mit feinem Gespür eine Marktlücke erkannt, und man darf gespannt sein, welche Ideen er noch ans Tageslicht bringen wird!

Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 unserer Serie über Neptunia.

Text © Gerhard Standop 2014

Fotos © Neptunia und Gerhard Standop 2014

Die Werkstattfotos und die Bilder von Patrick Moreau wurden freundlicherweise von Neptunia zur Verfügung gestellt.

Weitere Bilder GNU Wikipedia sowie Katalogbilder Neptunia.

Fotos Saint Tropez und Dorry-Messer Gerhard Standop.  www.standop.net/voiles

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